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Aus der Praxis


1. Schrott schreibt Geschichte

2. Gefälschte Waffen warten auf ihren Käufer

3. Geisternetze - Falle oder Habitat

4. Geliebt – gebraucht – gegessen: Der Haushund in der Steinzeit

5. Arbeiten unter Wasser – Marine und limnische Archäologie

6. Research: Fallbeispiel Cypraeidae – Spuren an Muscheln und Schnecken

7. Das Stapelholm-Projekt: Bauarchäologie und Kulturtourismus



Neben einer Vielzahl von Bearbeitungen der Tierknochenfunde aus archäologischen Ausgrabungen übernimmt unser Team regelmäßig auch archäologische Aufträge. Einige dieser Projekte sind im Folgenden dargestellt. Näheres zu Archäozoologie finden Sie hier.


1. Schrott schreibt Geschichte

Im Zeitraum von Dezember 2014 bis Juli 2016 begleiteten die archäologischen Forschungstaucher Jörg Ewersen und Frederik Feulner von Terra Mare im Auftrage des Landesverband für Unterwasserarchäologie M/V e.V. die Arbeiten zur Beräumung der Baufelder für die Seekabeltrasse „Westlicher Adlergrund“ zwischen Rügen und Bornholm. Hierbei förderten die Mitarbeiter der Munitions- und Kampfmittelbeseitigung auch eine große Zahl an kulturhistorisch wertvollen Objekte aus einer Zeitspanne zwischen der Hanse bis in die Neuzeit ans Tageslicht.

Die archäologische Baubegleitung umfasste zunächst unterwasserarchäologischen Untersuchungen im küstennahen Raum. Während dieser Unterwasserarbeiten wurden speziell vorab bekannte Fundkoordinaten angetaucht und überprüft. Im Anschluss daran folgte die archäologische Begleitung der Kampfmittelberäumung im Offshore-Raum mit Hilfe eines sogenannten ROV, eines von einem Trägerschiff aus ferngelenkten Unterwasserroboters. Die Aufgabe des von Bord aus gelenkten ROV war es, mit Hilfe von Detektoren Metallfunde aufzuspüren und abzubergen. Hierbei wurden nicht nur Kampfmittel vom Grund der Ostsee geborgen, der ROV spürte zudem eine ganze Reihe von archäologischen Funden auf, die in die Zeit vom 13. Jahrhundert bis zur frühen Neuzeit reichen. Zu diesen Funden gehören Schiffsteilen wie Petroleum betriebenen Positionslaternen, Reste abgeschossener alliierter Bomber, historische Schiffsbriketts, Teile von Kupferbeschlägen historischer Schiffsrümpfe, hansezeitliche Stockanker sowie einer Schleuße, einer Art Schürhaken aus der Zeit der Dampfschifffahrt, die heute im Flensburger Schifffahrtsmuseum eingelagert ist.

Laterne Anker
Links: Bergung einer Schiffslaterne aus dem 19. Jahrhundert. Eine weitere Aufnahme finden Sie (hier). Rechts: Abbergen eines hansezeitlichen Ankerstocks. Oberhalb des Stocks erkennt man die Reste des mit Gewebe umwickelten Ankerringes(Fotos Ewersen).


Historisch von besonderer Bedeutung waren und sind die Ankerfunde aus der Zeit der Städtehanse, die den dendrochronologischen Datierungen nach bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen. Diese Ankerfunde bieten nicht nur die Möglichkeit einer genauen zeitlichen Einordnung, wie beispielsweise ein Ankerstock zeigt. Für dessen Herstellung wurde eine Eiche um 1297 gefällt. Diese Anker gaben zudem Informationen zur typologischen Entwicklung, da die Ankerstöcke einmal und die Anker insgesamt im Laufe der Zeit deutlichen Veränderungen unterlagen (Ewersen in Vorb.). Zudem können einige eingeschnitzte Zeichen auf den Ankern helfen, sie direkt Eignern oder hanseatischen Kaufleuten zuzuordnen.

Ein besonderes Highlight lag mit den Funden von drei sogenannten Warzengeschossen vor, da deren Bauart nach weitergehenden Recherchen von Terra Mare offensichtlich einmalig ist (Ewersen/Winkel in Vorb.). Warzengeschosse wurden für die Artillerie um die Mitte des 19. Jhd. als Vorstufe für Geschütze mit gezogenen Läufen entwickelt und stellen damit einen neuen historisch-technischen Entwicklungsschritt zur höheren Treffgenauigkeit von Kanonen dar.

Granate HS293.jpg
Abbildung links : Warzengeschoss aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. In der Mitte sind zwei der scheibenförmigen Führungswarzen zu sehen (Foto K. Schaake). Abbildung rechts: Korpus der Henschel Hs 293 nach der Bergung. Im hinteren Teil der Gleitbombe ist die Steuerelektrik zu erkennen (Foto Ewersen).


Der letzte Bauabschnitt betraf wiederum die Flachwasser-Lose im Küstenraum Rügens und im Greifswalder Bodden. Dort wurde die Kampfmittelbergung von Berufstauchern vorgenommen, deren Einsatz auch mit Lebensgefahr verbunden war, da sich weite Teile des Baufeldes unmittelbar vor der Heeres- und Luftwaffenversuchsanstalt Peenemünde befanden. Das Spektrum der zu berücksichtigen Funde reichte dort bis an die Neuzeit heran. Zu den zahlreichen Funden gehörten neben spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Schiffswracks auch Teile der Gleitbombe Henschel Hs 293 sowie ein ausgesprochen seltener Lufttorpedo Hs 294, von dem in den Jahren um 1940 kaum 100 Stück angefertigt wurden. Des Weiteren wurde aus der gleichen Zeit eine Luft-Luft-Rakete vom Typ Kramer X4 geborgen, die bereits Anfang 40er Jahre über eine Drahtlenkung mit einer Reichweite von über fünf Kilometer verfügte. Von diesem Luftkampfmittel dürften weltweit – soweit bekannt - kaum mehr als zehn Exemplare in verschiedenen Museen ausgestellt sein. Auch Reste der Fieseler Fi 103, besser bekannt als V1, kamen bei den Arbeiten an die Wasseroberfläche. Unter anderem fand man ein Luftlog, ein Zählwerk, das der Flugsteuerung dient und mit dessen Hilfe sich der Absturz der Fi 103 auf einen Zeitraum im zeitigen Frühjahr 1943 eingrenzen ließ (Ewersen in Vorb.).

Insgesamt verdeutlichte die archäologische Baubegleitung der Unterwasserbaumaßnahme, dass vielfach der geborgene „Schott“ mehr kulturhistorische Informationen enthielt, als man gemeinhin hatte vermuten können. Dieser „Schrott“ trägt daher bei einer diffizilen Betrachtung einen wertvollen Beitrag zur Geschichtsschreibung mit bei (Gesellschaft für Schleswiger Stadtgeschichte).


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2. Gefälschte Waffen warten auf ihren Käufer

Sobald bestimmte Objekte eine gewisse Faszination auf den Menschen ausüben, findet sich schnell eine Sammlergemeinschaft für diese Objekte zusammen. Hierbei ist es nicht einmal erforderlich, dass diese Objekte einen tatsächlichen Wert besitzen. Vielfach reicht schon eine ideelle Vorstellung. Und wo diese Vorstellungen einerseits den Jagdinstinkt Einzelner auslösen, finden sich andererseits wiederum andere, die diesen Impuls nur allzu gerne bedienen...

Eine der bekanntesten Objektgattungen für Sammler oder als Wertanlage sind neben Kunstgegenständen auch Waffen. Diese Beliebtheit sorgt für eine hohe Nachfrage, die wiederum die Preise reguliert. Und die Erwartung auf hohe Gewinnerträge macht den Markt anfällig für Falsifikate. Dies gilt, was weitläufig nur wenig bekannt ist, nicht nur für Gemälde oder andere Kunstobjekte, sondern in besonderem Maße auch für Waffen. In manchen Fällen bestehen bis zu 90 % der Objekte eines Waffentyps am Markt nur aus Nachbauten oder Fälschungen. Hierzu gehören auch die sogenannten Entenfuß-Pistolen, die aus einschüssigen Pistolen hergestellt wurden und die meisten Schusswaffen bspw. aus Afghanistan. Eine Ursache hierfür ist die zunehmende Zahl der Reiselustigen ab dem Zeitalter der Romantik bis in 19. Jahrhundert hinein. Ein Trend, der bis heute andauert. Unmittelbar damit verbunden ist auch der Wunsch nach authentischen Reiseandenken, was sehr schnell Fälscher auf den Plan rief und bis heute nicht arbeitslos gemacht hat. Ab dem späten 19. Jhd. fielen dann wiederkehrende Sammelschwerpunkte ins Gewicht, die den Markt mit völlig überhöhten Preisen überzogen und bis heute noch überziehen. Bei den Schusswaffen fallen in diese Kategorie insbesondere die Militärwaffen.

In den letzten Jahren lagen Terra Mare mehrfach solche Reiseandenken vor, die allesamt entweder als Nachbauten aus Originalteilen oder als Fälschungen entlarvt wurden. Insbesondere zählten hierzu Blank- und Schusswaffen aus nordafrikanischen Touristenzentren, aber auch Mitbringsel aus Afghanistan, die zum Teil über Internetauktionen ersteigert wurden.

Zwei Beispiele:

Das Jezail-Gewehr

Die Jezail sind Musketen oder Gewehre aus südasiatischer Herstellung. Typisch für die Gewehre ist der Schaftkolben, der je nach Provenienz gerade oder durchgebogen sein kann. Ein weiteres gut zu erkennendes Merkmal der Jezail ist der lange Lauf, der für europäische Waffen ungewöhnlich ist. Er verleiht den Gewehren eine hohe Treffsicherheit über lange Distanzen. Jezail waren im ersten anglo-afghanischen Krieg (1839 - 1842) eine von den Briten gefürchtet Waffe. Während die britische „Brown Bess“ nur auf Entfernungen von 140 m effektiv war und auf 45 - 50 m genau traf, waren afghanische Scharfschützen in der Lage ihr Ziel auf 250- 300 m treffsicher zu erreichen. Häufige sind Jezails aus einer Kombination von europäischen und einheimischen Waffenteilen gefertigt und werden heute noch aus neuzeitlichen und historischen Teilen für den Touristenmarkt zusammengebaut. Zu den Käufern zählen insbesondere Angehörige der in Afghanistan stationierten NATO. Die handwerkliche Herstellung der Jezail-Gewehre bedingt daher eine hohe individuelle und regionale Variabilität. Aus heutiger Sicht darf man davon ausgehen, dass bis zu 90 % aller Jezail neu zusammengebaut, umfangreich durch Neuteile ergänzt oder vollständig gefälscht sind.


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Das Foto links zeigt das Original-Flintschloss eines Jezail-Gewehres (Länge 152 cm, Cal. 15,3 mm). Das Schloss wurde in der Büchsenmacherei von Joseph Manton 1799 gefertigt. Auf dem rechten Foto ist der Schaft unterhalb des Schlosses zu erkennen. Dort sind regelmäßige Bearbeitungsspuren zu sehen, die in dieser Form nur auf eine maschinelle Herstellung des Schaftes schließen lassen (Fotos Ewersen).


Das zweite Beispiel zeigt eine Perkussionspistole, die Terra Mare zu Begutachtung vorlag. Sie wurde über eine Internet-Auktion erworben. Der erste Blick zeigt eine 38 cm lange Pistole mit einem Original Schloss und einem runden Lauf (Cal. 15,6 mm), der im Schlossbereich oben dreikantig verstärkt ist. Insgesamt wirkt das Objekt schlüssig und kann bei oberflächlicher Betrachtung durchaus als Sammlerstück überzeugen. Auf den zweiten Blick erkennt man, dass der Hammer im Verhältnis zu Größe der Pistole recht massiv erscheint. Er könnte, wie auch das gesamte Schloss, durchaus zu einem Gewehr gehören. Unterhalb des Hammers wie auch auf dem Lauf ist der Name „NICOLƧON“ über Kopf sowie der Zusatz „MADE“ zu lesen. Beide Schriftzüge sind in serifenlosen Buchstaben eingepunzt, was die Waffe eindeutig als Fälschung entlarvt. Die serifenlose Schrift wurde zwar bereits Anfang des 19. Jhd. entwickelt, setzte sich aber erst Anfang des 20. Jhds. durch. Zudem wurde der Abzug aus Messing gefertigt, was im 19. Jhd. allgemein unüblich war.


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Links: Blick auf die rechte Seite des Perkussionsschlosses. Rechts: Der Ausschnitt zeigt den über Kopf eingepunzten serifenfreien Namenszug (Fotos Ewersen).


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3. Geisternetze - Falle oder Habitat

Im Sommer 2014 entwickelte Terra Mare das Projekt „Geisternetze – Falle oder Habitat“; Träger des Projektes ist die Scientific Diving Association (SDA e. V.).

Das von der Bingo Umwelt Lotterie und vom Holtenauer Verlag geförderte Projekt sieht eine Kooperation von Forschungs- und Sporttauchern vor, in der der Unterwasserraum der westlichen Ostseeküste nach verlorenen gegangenen Fischereigeräten, sogenannten Geisternetzen, abgesucht wird. Weiterhin entsteht in den nächsten Wochen ein Meldesystem auf der Internetseite www.geisternetze.de, in dem Fischer, Segler und Taucher die Sichtung oder den Verlust von Fischereigeräten registrieren können, was zukünftig eine gezielte Bergung der Netze ermöglicht wird.

Vermutlich gehen jährlich bis zu 10.000 Netze in der Ostsee verloren und werden zur Todesfalle für Meeressäuger, Fische, Seevögel und Weichtiere (Foto unten links, Kraus). Beispielsweise konnten Teilnehmer der Feldschule von Terra Mare an der Nordseeküste häufig beobachten, dass sich Vogelkadaver oder Kadaverteile am Strand in Netzresten verwickelt hatten (Foto unten rechts Ewersen). Auch die Untersuchung von Mageninhalten brachte immer wieder Plastikteile hervor.

Geisternetz Vogelkadaver

Neben der funktionalen Gefährdung durch die herrenlosen Fischereigeräte tritt ein weiteres Problem aufgrund der immensen Haltbarkeit der Kunststoffnetze und durch deren Imprägniermittel auf. Fischernetze bestehen in der Regel aus Nylon (Polyamid), Polyester oder Polyäthylen und sind dadurch extrem langlebig und verrotten nicht. Nach Angaben des Bundesumweltamtes kann es bis zu 450 Jahre dauern, bevor die Netze völlig zerfallen.

Während dieser Zeitspanne werden sie durch Salzwasser, UV-Licht und Reibungen in immer kleinere Netzbestandteile zerlegt. Hierbei entweichen auch Inhaltsstoffe wie Bisphenol A, Weichmacher und Imprägniermittel, die das Erbgut und den Hormonhaushalt von Meereslebewesen schädigen können. Zudem haben die Mircopartikel die Eigenschaft Giftstoffe an ihren Oberflächen anzulagern, was über die Aufnahme dieser Partikel in den Nahrungskreislauf erhebliche Auswirkungen auf marine Ökosysteme hat. Beispielsweise gelangen ɥ-Millimeter große, im Wasser schwebende Mikropartikel bei Muscheln durch die Filtration des Atemwassers in den Ernährungstrakt und werden im Körpergewebe eingelagert. Diese Tiere sind wiederum Nahrungsgrundlage vieler Fischarten, die damit auch die Plastikpartikel inkorporieren. Da die verwitterten Netzbestandteile teilweise ein ähnliche Größe und ein ähnliches Schwimmverhalten wie Plankton aufweisen, werden sie zudem auch direkt von Planktonfiltrierern (z. B. Walarten, Walhai, Atlantischer Hering, Sardine, usw.) aufgenommen. Die Magensäure der Tiere zersetzt die Partikel weiter und deren Bestandteile werden fraktioniert. Am Ende landen die schädigenden Kunststoffteilchen über die Weitergabe von Trophiestufe zu Trophiestufe über den Speisefisch auf unserem Teller. Auch Flamingos filtern diese Plastikpartikel aus dem Wasser und Seevögel wie am Strand angespülte Kadaver tragen dazu bei, dass sie über Aasfresser und Prädatoren in die terrestrische Nahrungskette gelangen. Selbst in Bienenhonig wurden diese Micropartikel bereits nachgewiesen.

Geisternetz zerschneiden Geisternetz Ostsee Geisternetz
Geisternetze am Ostseegrund. Die Abbildungen links und Mitte zeigen nicht nur, dass sich in den Maschenleinen Algen verfangen haben, sondern auch, dass dort das Wachstum von Algen an den Netzen bereits begonnen hat (Foto Kraus). Das rechte Foto zeigt ein älteres Geisternetz, das in 20 m Tiefe bereits 20 cm tief in den Meeresgrund eingelagert wurde (Fotos Kraus/Ewersen).


Eine ganz andere Seite der Geisternetze wird bei dem Projekt ebenfalls beleuchtet. Kunststoffnetze sind seit rund 60 Jahren in Gebrauch, was bedeutet, dass etliche dieser verlorenen Maschengeflechte schon seit vielen Jahren am Meeresgrund verweilen. Einzelne an das Projekt gebundene Bachelor- und Masterarbeiten sowie eine geplante Dissertation sollen dokumentieren und auswerten, inwiefern und wie schnell Fischereinetze in das Ökosystem eingebunden werden bzw. schon sind. Vielfältige Fragestellungen zur Problematik der Einbindung in das Ökosystem verdeutlichen, dass Geisternetze - trotz der von ihnen ausgehenden Gefährdung – in etlichen Fällen bereits die Rolle von künstlichen Riffen eingenommen haben. Für die Ostsee wären sie dann einerseits Lebensraum für Mikroorganismen und sessile Ostseebewohner wie Seeanemonen, Schwämmen oder Seescheiden, wie auch Kinderstube für Fische und andererseits zugleich eine Gefährdung. Weitere Informationen zu Geisternetze auch hier.


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4. Geliebt – gebraucht – gegessen: Der Haushund in der Steinzeit

"Wir müssen den geneigten Leser um Entschuldigung bitten, aber wir können ihm die Information nicht ersparen, dasz der Hund vielen Völkern, die in der kulinarischen Kunst recht fortgeschritten waren, ein äußerst delikates Gericht abgegeben hat." (A. Soyer 1853)

Seit dem Jungpaläolithikum werden („Wolfs-“)Hunde als Begleiter des Menschen gehalten. Dabei hat der Haushund bis heute ein breites Nutzungsspektrum, das vom Babysitter über Kriegswaffe bis zur Nahrungsbeschaffung für den Menschen reicht, selbst wenn er, der Hund, letztlich selber die Nahrung des Menschen darstellt. Mit dem freundlicherweise von der DFG geförderten Forschungsvorhaben am Archäologischen Institut der Universität Hamburg geht Jörg Ewersen der Frage nach, welche ökonomische und soziokulturelle Rolle der Hund in Aufenthalts- und Siedlungsstrukturen vom ausgehenden Mesolithikum (= Mittelsteinzeit) bis ins Neolithikum (= Jungsteinzeit) hatte. Ein besonderes Ziel des Projektes ist es dabei, die nahrungswirtschaftliche Bedeutung des Hundes in Siedlungen zu klären.

Die Ergebnisse des Projektes „Die Rolle des Hundes in endmesolithischen und neolithischen Siedlungen“ beruhen auf über 4800 Skelettreste von Hunden aus insgesamt 39 steinzeitlichen und einem kaiserzeitlichen Inventar zwischen der dänischen Grenze und der Schweiz. Zum einen standen anthropogene Spuren (Gerätespuren) an Skelettelementen und zum anderen die Verhältniswerte der stabilen Isotopen δ13C (Kohlenstoff) und δ15N (Stickstoff) im Vordergrund der Untersuchungen. Als Vergleichsmaterial für die Ergebnisse an Hunderesten diente eine geringe Zahl von Wolfsknochen sowie Knochen von Wild- und Hausschweinen.

Laborarbeiten
Laborarbeiten.

Anthropogene (= durch Menschen hervorgerufene) Spuren an Skelettelementen werden standartgemäß mit Hilfe eines Binokulars mit einer bis zu 16fachen Vergrößerung und in Einzelfällen weiterführend mit einem Digital-Auflichtmikroskop (200fach) aufgedeckt und untersucht. Es ist die nahezu einzige Möglichkeit einen sicheren (beweisbaren) Zusammenhang zwischen tierischen Skelettresten und dem Menschen festzustellen. Über die Lage der Schnitt-, Hack- und Schlagspuren sowie Schabe- und Abschermarken am Skelett und deren Vergleich mit der überliegenden Weichteilanatomie kann in der Folge auf den möglichen Ursprung resp. die Absicht, mit der geschnitten wurde, rückgeschlossen werden. Bedingt durch die Anatomie des Körpers sowie Überschneidungen mehrerer Gerätemarken (Spurenstratigraphie) bzw. deren Schnittrichtungen werden im Anschluss daran Zerlegungsphasen und –techniken herausgearbeitet. Zusammen mit weiteren archäozoologischen Parametern wie Schlachtalter und Fragmentierung werden damit Aussagen über die Verwendung der Hunde und dem über ihre (fleisch-)wirtschaftliche Bedeutung möglich.

Die Grundlage der Ergebnisse der Isotopenverhältnisse waren mehr als 236 Proben mit auswertbare Datensätze von δ15N und δ13C. Die Verhältniswerte der untersuchten Hunde ermöglichen die Einordnung der verschiedenen Individuen in das Nahrungsnetz (Trophiestufe) zwischen der wilden Stammform Wolf und den ebenfalls omnivoren Haus- und Wildschweinen. Auf dieser Grundlage wurden die Haltungsbedingungen in verschiedenen Siedlungszusammenhängen differenziert. Ergebnisse aus dem Projekt zeigen, dass die Untersuchung stabiler Isotope in Kombination mit der Analyse von Schlachtspuren an Knochen wertvolle Erkenntnisse zur wirtschaftlichen Bedeutung des Hundes erbrachten, was zukünftig sicherlich auch für andere Tierarten gilt.

Anhand der aktuell vorliegenden Ergebnisse kann für fast alle untersuchten Fundplätze eine regional und chronologisch sehr unterschiedlich Nutzung des Hundes als Fleischlieferant oder Opfertier postuliert werden. Dabei bestehen offensichtlich Unterschiede zwischen Küsten- und Binnenlandsiedlungen, zwischen dem Befund nach rituell geprägten und eher „dörflichen“ Siedlungen sowie zwischen Plätzen des Mesolithikums und der Jungsteinzeit. Anthropogene Zerlegungsspuren an den Knochen aus Siedlungen an Binnengewässern zeichnen wiederum ein anderes Bild als solche von Plätzen der Ostseeküste und auf einzelnen Wohnplätzen scheint der Hund überhaupt nicht zerlegt worden zu sein.

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Spuren an Skelettresten von Haushunden. Links: grafische Darstellung aller Schnittspuren an Hundeknochen vom Fundplatz Rosenhof. Rechts: Hackspuren auf einem Os ilium (vorderer Beckenabschnitt), darüber neuzeitliche Beckenhälfte. (Grafik/Foto Ewersen)


Die Werte der stabilen Isotope weisen auf deutliche Unterschiede zwischen den Omnivoren (= Allesfressern) Schwein und Hund hin. Die Isotopenverhältnisse der Wölfe sind entgegen den Erwartungen nur sehr undeutlich von denen der Hunde zu trennen, was möglichweise auf Unsicherheiten bei der morphometrischen (= anatomisch vergleichenden) Bestimmung zu-rückzuführen ist. Bemerkenswert ist die Heterogenität der Isotopenverhältnisse von Hunden in Bezug zur regionalen Lage der Fundplätze. Es wurden auf diesem Wege einerseits deutliche Unterschiede in der Nahrungsaufnahme der Tiere erkannt und andererseits Umwelteinflüsse wie auch klimatische Veränderungen ersichtlich.

Laborarbeiten
Links: Deutlich setzten sich die Verhältniswerte von C und N der Schweine (rot) von denen der Haushunde ab. Ihre Stickstoffwerte sind wesentlich abgereicherter.

Die übergreifenden Ergebnisse des Projektes machen bereits jetzt in vielerlei Hinsicht die wirtschaftliche Bedeutung des Haushundes für die Nahrungswirtschaft verschiedener jungsteinzeitlicher Siedlungen deutlich: Hunde waren leicht zu versorgen. Sie wurden einerseits mit Abfällen gefüttert oder sorgten in vielen Fällen selbst für ihre Nahrung und erbrachten zu Lebzeiten Arbeitsleistungen. Als Fleischnutztier besaßen sie zwar eine ungünstige Energiebilanz, man gewann dennoch aus ihnen ein sehr energiereiches Fleisch, qualitätsvolles Fell bzw. Leder sowie Zahnschmuckperlen. Diese Möglichkeiten wurden in steinzeitlichen Siedlungen in unterschiedlichem Maße und mit regional verschiedenen Schwerpunkten genutzt, wobei - neu hinzugekommen - der Verdacht besteht, dass sich die soziokulturelle Rolle der Haushunde vom Mesolithikum bis ins fortgeschrittene Neolithikum hin änderte. Hierzu steht allerdings eine detaillierte, fundplatzbezogene Auswertung noch aus.


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5. Arbeiten unter Wasser – Marine und limnische Archäologie

Friedrichsort

Ein Bereich im Angebot archäologischer Dienstleistungen durch Terra Mare ist die marine und limnische Archäologie. In der Vergangenheit arbeiteten Teammitglieder in der Unterwasserarchäologie mehrfach mit verschiedenen Landesbehörden und internationalen Forschungsinstituten zusammen. Dazu gehörten u.a. neben dem archäologischen Monitoring auch baubegleitenden Surveys und Maßnahmen zur Wiederherstellung von Kulturdenkmälern sowie submarine Ausgrabungen.

Unser Team setzt sich aus geprüften Forschungstauchern und einem berufserfahrenen Taucheinsatzleiter mit jahrelanger Erfahrung in archäologischer Dokumentation und Fundsicherung von submarinen Kulturdenkmälern auch unter Einsatz moderner Technik (Sidescan Sonar, ROV etc.) zusammen. Dafür steht das „Mare“ in unserem Namen.

2012 und 2014/15 nahmen Teammitglieder von Terra Mare gemeinsam mit dem Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern sowie dem Landesverband für Unterwasserarchäologie M/V e.V. submarine Untersuchungen vor den Küsten Mecklenburg-Vorpommerns vor. In erster Linie wurden Verdachtspunkte sowie Teile der Trassenflächen der Küsten- und Offshorebereiche im Raum der geplanten Kabeltrassen für neue Hochsee-Windparks prospektiert. In einem zweiten Schritt sollen dann die archäologisch wertvolle Funde gesichern werden. Während der Untersuchungen konnten aus mehreren Stellen in Wassertiefen zwischen zwei und bis zu 18 m NN historische Kulturgüter dokumentarisch erfaßt und notwendigerweise abgeborgen werden. Unter den Funden befanden sich auch zum Teil sehr alte Anker wie (besonders im Flachwasserbereich) Reste mesolithischer Lagerplätze. Einzelne Funde werden derzeit hinsichtlich einer genauen Datierung und der Materialherkunft naturwissenschaftlich untersucht. (Fotos unten Feulner/Ewersen)

Beginn Taucheinsatz Unterwasser Bootswrack

Weiterhin unterstützen Terra Mare-Taucher im Juni 2012 das Øhavsmuseet bei der Erforschung eines mittelsteinzeitlichen Fundplatzes südwestlich der dänischen Insel Langeland und ein Jahr zuvor, im Sommer 2011, arbeiteten Teammitglieder von Terra-Mare mit an den Renaturierungsmaßnahme zur Nord Stream Gaspipeline im Greifswalder Bodden. Hierbei wurde neben Monitoring- und Dokumentationsarbeiten ein Wrack auf der Boddenrandschwelle wiederhergestellt, dass im Herbst 2008 – ebenfalls unter Beteiligung unserer Mitarbeiter - dokumentiert und freigelegt wurde.

Neben den Arbeiten unter Wasser für den Denkmalschutz werden heute auch Tauchgänge zur Aufdeckung landschaftsgeschichtlicher Vorgänge und für den Umweltschutz zunehmend wichtiger. So finden sich am Grunde der Ostsee nicht nur Zeugnisse aus der Zeit, in der die Ostsee ein süßwasserführendes Binnenmeer war, sondern auch die Altlasten der letzten Kriege.

granate 1 granate 2 Wasserbombe
Kriegsaltlasten in der Ostsee. Links: Granate ohne Zünder mit Blick auf die Mundloch-Verschlusskappe (50 x 3). Mitte: Kleinmunition und Gasmaskenteile. Rechts: ROV beim Freilegen einer russischen Wasserbombe vom Typ BB1 (Fotos F./E.). Mehr dazu unter Munition im Meer.


Bei Verdacht auf einen Kampfmittelfund unter wie auch über Wasser ist unbedingt der zuständige Kampfmittelräumdienst des jeweiligen Bundeslandes oder eine Polizeidienststelle zu benachrichtigen.


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6. Research: Fallbeispiel Cypraeidae – Spuren an Muscheln und Schnecken

Cypraeidae, besser als Porzellanschnecken oder Cauri-Schnecken bekannt, haben durch alle Zeiten einen besonderen Wert für den Menschen besessen. Die Familie dieser Meeresbewohner umfasst weltweit mehr als 200 Arten, die in allen tropischen Meeren und im Mittelmeer vorkommen. Vielleicht war es ihr glattes, porzellanartiges, geradezu leuchtendes Gehäuse, was diese Schnecken für die Verwendung als Zahlungsmittel, als Kettenschmuck, als Bekleidungsapplikation oder nur als neuzeitliches Urlaubsmitbringsel besonders auszeichnete. Wohl auch aus diesen Gründen sind die Gehäuse dieser Tierfamilie immer wieder – auch in unerwartetem – archäologischem Befundzusammenhang zu entdecken. In diese Fundstücke wird, vielleicht eben gerade auch aus diesen Beweggründen heraus, hin und wieder eine Funktion hineininterpretiert, die sie in verschiedenen Fällen nicht inne hatten. Im folgenden sei dies anhand von zwei Beispielen verdeutlicht:

Auf einer Ackerfläche Norddeutschlands wurde an einem neolithischen Oberflächen-Fundplatz Mitte der 90er Jahre eine „Säge aus Kalkstein“ gefunden. Die tierartliche Bestimmung ergab, dass es sich hierbei um die eine Hälfte der Mündung einer Porzellanschnecke handelte (Abb. unten, 2).

Zerfallsstufen Cypraea
Cypraeidae. 1. – Cypraea tigris, vollständiges Gehäuse; 2.- Cypraea spec., Mündungsrand, Schleswig-Holstein, Ackerfläche; 3 - Cypraea spec., Mündungsrand, Qatar, Strandfund; 4 – Oben: Cypraea spec. (2x), durchbohrt, Perth, Australien, Handel;4 - unten Cypraea moneta, Taschenapplikation, Kelong, Malaysia, Handel. (Foto Ewersen)

Es ist zu beobachten, dass die Gehäuse dieser Tierfamilie meist in zwei Schritten erodieren und zerfallen. Zunächst kann durch das Verrollen auf dem Weg von der Benthic-Zone über die Littoral- oder Tidal-Zonen bis hin zur Ablagerung am Strand das rückwärtig der Mundöffnung gelegene Gehäuse abgebaut werden. Übrig bleibt ein oval-ringförmiges Gebilde mit der beiderseits gezahnten Mundöffnung. In der nächsten Stufe bricht dann dieser ovale Ring im Bereich des Apex und des Nabels auseinander, so dass zwei „halbmondförmige“, einseitig gezähnte Gehäusehälften zurückbleiben.

Bekleidungsapplikationen
Cypraeidae. 1 - Bekleidungsapplikation, Jebel Al Jassasiya, Qatar; Gehäuse aus historischem Kontext: 1 u. 4 - natürlicher Bruch, Arabische Halbinsel, Siedlungsfunde; 3 - rezentes Gehäuse, Samar, Philippinen, Strandfund. (Foto Ewersen)

Zur Herstellung von Bekleidungsapplikationen ging man (und geht man in einigen Landstrichen noch heute) manuell in der Art und Weise vor, dass man das rückwärtige Gehäuse meist in Längsrichtung der Schnecke herunterschleift. Diesen Schleifvorgang zeigen beispielsweise kantenparallele Riefen auf den Schleifflächen an. Im vorliegenden Fall wurde das Gehäuse bis unter den Spindel-Haltpunkt heruntergeschliffen, so dass diese damit herausbrach. Die so zugerichteten gehäuseovalen Ringe nähte man dann beispielsweise mit der geschliffenen Seite nach unten an die Kleidung. Diese Befestigung am Gewebe hat dann eine Politur auf den Schleifkanten zur Folge, wobei aber meist dennoch die Rechtwinkligkeit der Schleifkante erhalten bleibt. Die natürlichen Kantenbrüche hingegen sind nicht plan heruntergeschliffen und zeigen ausgezackte, unebene Ränder und nur äußerst selten eine ebene rechtwinklige Struktur.

Schleifriefen verrollte Bruchkante
Cypraeidae, 200fach vergrößert. Links Gehäusekante mit Schleifriefen; rechts natürliche, verrollte Bruchkante. (Fotos Ewersen)

Die unmittelbare Analyse der Spuren, also in diesem Fall der Schleif- bzw. Bruchkanten bei 200facher Vergrößerung konnte in diesem Fall schnell Aufschluss über die tatsächlichen Ursachen der Beschädigungen geben. Bruch- wie auch Schleiffläche sind anhand der Oberflächenstruktur der Kanten deutlich voneinander zu unterscheiden. Nur bei einigen Stücken war die Ansprache als "Bekleidungsapplikationen" haltbar. Derartige Spuren wurden von uns häufig an Mollusken-Material gefunden. Zumeist ließen sie Rückschlüsse auf die Ernährung von Menschen zu.


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7. Das Stapelholm-Projekt: Bauarchäologie und Kulturtourismus

In viele ländliche Regionen findet sich ein ungeheueres Potential an historischen, volkskundlichen Bauten, die bei ausreichender Inwertsetzung ein Magnet für den Tourismus werden können. So geht beispielsweise der Kern des abgebildeten Ständerbaus in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurück ohne, dass dies auf den ersten Blick erkennbar ist. Ursprünglich handelte es sich bei diesem Bauernhaus um ein Ständer-Hallenhaus mit giebelseitiger Grotdör. In jüngerer Zeit wurde dann vor einen Giebel ein quer zur Gebäude-Längsachse verlaufender Anbau gesetzt, dessen Dachfirst jedoch nicht ganz die Höhe des Hallendachfirstes erreichte. Dieses Gebäude ist nur eines von vielen alten Bauernhäusern in der Landschaft Stapelholm, die Aufmerksamkeit verdienen (Ewersen 2006).

Restgiebel eines Längsdielenhauses
Längsdielenhaus aus der Mitte des 18. Jhd. Der Restgiebel der Ständerhalle ist beim quer vorgesetzten Anbau am Dachfirst oberhalb der Haustür zu sehen. (Foto Ewersen)

Das Projekt "Stapelholmer BauKultur" verfolgte das Ziel, historische Bauernhäuser durch die Einbindung in ein kulturtouristisches Radwegenetz zu würdigen. Ein großer Bonus bei der Projektentwicklung bestand in den bereits vorhandenen volkskundlichen Hausdokumentationen aus den 50er und 60er Jahren - viele von Dr. Arnold Lühning. Leider zeigte die Durchsicht dieses einmaligen Fundus allerdings auch, dass manche Gebäude, die nach den Unterlagen als kulturhistorisch wertvoll ausgewiesen waren, gar nicht mehr bestanden, völlig baufällig und aufgelassen waren oder aufgrund fehlender oder ungenauer Ortsangaben, bzw. Veränderungen im Ort selber, heute nicht mehr sicher identifiziert werden konnten. In etlichen Fällen waren auch bis zu 250 Jahre alte Gebäude aufgrund radikaler An- und Umbaumaßnahmen in einem nicht mehr sehenswerten Zustand.

Aus der Vielzahl der Bauernhäuser mußte daher eine Auswahl getroffen werden, die kulturhistorischen Ansprüchen und den ästhetische Bedürfnis touristischer Aktivitäten genügt. Um dieses Problem zu lösen, wurden etwa 100 historische Gebäude dokumentarisch erfaßt und im Plus-Minus-Interesting-Verfahren die zehn attraktivsten Gebäude durch 50 Personen ausgewählt. Das folgende Ranking beruhte dann auf dem CAF-Prinzip (Consider all facts n. E. de Bono 1993), bei dem unter Berücksichtigung aller erforderlichen Faktoren der Grundstock für die Sehenswürdigkeiten auf dem geplanten Rundweg gelegt wurde.

Haus Ohlsen, Krüppelwalm-Giebel Haus Ohlsen, Zeichnung
Süderstapel, Haus Ohlsen, Ansicht des vorkragenden Krüppelwalm-Giebels. Das Ständerwerk des Hauses datiert dendrochronologisch in die Jahre 1703 und 1704. (Foto Ewersen; Grafik anonym)

Die "Stapelholmer BaukulTour", die mit dem Fahrrad oder dem Auto nachgefahren wird, kann an jeder beliebigen Stelle begonnen werden. Bislang haben sich aber als günstige Einstiegsorte das Haus Jöns in Norderstapel oder das Haus Ohlsen in Süderstapel herausgestellt: Zum einen stehen in diesen Hallenhäusern weitere touristische Informationen sowie eine kleine volkskundliche Sammlung zur Verfügung, zum anderen können von hier aus mit dem Fahrrad die meisten sehenswerten Gebäude in angemessener Zeit erreicht werden. Auf einem dieser Wege ist beispielsweise der aus dem Jahr 1825 stammende Haubarg in Seeth zu sehen.

Giebelmauerwerk Haubarg
Seeth, Haubarg. Giebelmauerwerk mit „Sägezahn-Ornamentik“. Das Haus datiert in das Baujahr 1825. (Foto Ewersen)

Typische äußerliche Merkmale des fast flächenquadratischen Haubargs sind die nach allen Seiten hin abgewalmte Dach, der kurze First ohne "Uhlenloch" und die niedrigen Außenmauern. Wie in jedem Haubarg oder Gulfhaus, so wird auch hier das Zentrum durch einen Ständer-Vierkant gebildet, den sogenannten Gulf - ein tragfähiges Gerüst, auf dem der gesamte Dachstuhl aufliegt. Man schaffte so mit wenig Bauholz, das ja wegen der Waldarmut in den Marschen sehr kostspielig war, ungleich viel Raum, zumal man vom Boden aus stapelte. Anders als im Hallenhaus sind diese Bargen, also die Stapelräume, die Dreschdiele, Ställe und Wohnräume nicht hintereinander, sondern um diesen Gulf herum angeordnet. Die vier Giebel des Hauses wurden optisch mit einer Ziegelornamentik verziert. Dabei vermauerte man vom Ortgang her Backsteine diagonal so, dass sie Dreiecke formen und damit das sogenannte Sägezahn-Muster hinterlassen. Ob sich die Erbauer des Seether Haubarges die Idee für dieses Motiv aus Friedrichstadt holte, muss offen bleiben. Dort jedenfalls wurde dieses Giebelmuster schon seit der Stadtgründung 1620 häufig verwendet.

Auf dem Rundweg sind nicht nur ländliche Gebäude zu sehen, sondern auch historische Handwerksbetriebe und technische Bauten. Als Beispiel hierfür seinen hier nur die Schleusen im Stapelholmer Land mit dem Schöpfwerk Steinschleuse angefüht. Es besteht in seiner Gesamtheit aus vier Bauwerken. Als Herz des Schöpfwerkes arbeitet jetzt im Innern noch eine ehemals durch Dampf angetriebene 400-PS-Pumpe von 1915. Vom Kesselhaus aus blickt man auf den Eiderdeich, in den die eigentlichen Schleusen mit ihren Toren eingebaut sind. Fast gegenüber liegt die nördlichste der Schleusen, die Schlotschleuse, die inschriftlich 1877 im Zuge der neuen Trockenlegungskampagne durch den Landinspektor Heinrich Tiedemann vom Gut Johannisberg gebaut wurde. Die südlichste und auch zugleich älteste Schleuse ist nach einem kurzen Gang vorbei am landwirtschaftlichen Hof am Deich entlang zu erreichen. Auf dieser Seite findet man auch die zwei Inschriften-Tafeln aus Kalkstein, die auf Bauzeit und Reparaturphasen hinweisen: "EXTRUCTUM ANNO MDCXIX" (1619) und "REPARATUM ANNO MDCCXXXVI (1736) ET MDCCXXX (1730)" sowie den Schriftzug "Repariert 1871/E. Bruhn Steinhauer/Nrd.stapel".

Ein weiteres Beispiel stellt die alte Schmiede in Tielen an der Eider dar, deren Anfänge in die Zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts zurückgehen.

Esse der alten Schmiede in Tielen
Tielen, Innenansicht der ehemaligen Schmiede mit Blick auf die Esse. (Foto Ewersen)

Die langfristige wirtschaftsfördernde Wirkung eines solchen regionalen Projektes liegt nach vielen Erfahrungen nicht einzig in dem Projektergebnis, also dem eigentlich Rundweg mit allen seinen Hinweisschildern und Sehenswürdigkeiten, sondern in der zuverlässigen Nachhaltigkeit. Bereits bei der Planung eines derartigen Projektes sollten die möglichen Folgekosten mit berücksichtigt werden. Hierzu gehören beispielsweise Radweg-Pflege, Pflege der Gebäude oder auch regelmäßige Events, mit denen immer wieder auf die touristischen Möglichkeiten aufmerksam gemacht werden kann. Die Grundlage hierfür sind nicht nur engagierte Hausbesitzer und Fördervereine, sondern auch der Rückhalt durch die regionale Wirtschaft. Gastronomische Angebote für Besucher sollten unbedingt offen gehalten werden.

Tragende Projektsäulen sind eine zielführende Planung, hochqualifizierte Durchführung und die Rückversicherung für eine langjährige Nachhaltigkeit. Wird eine dieser Säulen nicht ausreichend berücksichtigt oder vernachlässigt, liegt das Projekt nicht im notwendigen Gleichgewicht. In der Folge kann sich der gewünschte Erfolg, hier die Belebung der regionalen Wirtschaft und Gastronomie, nicht im dem angestrebten Maße einstellen.


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Weitere Informationen zu den hier vorgestellten Projekten stellen wir Ihnen gerne zur Verfügung. Bitte fragen sie auch nach unseren Referenzen zur Archäozoologie.