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Spuren an Knochen

Der Nachweis artifizieller Spuren an Skelettresten ist nahezu der einzige tatsächliche Beleg dafür, dass Funde aus einem anthropogenen Zusammenhang stammen (rechts: Klingenritzungen unterhalb einer Gelenkfläche; Foto Ewersen).

Spuren beantworten die Frage, ob Tierknochen auf natürlichem Wege in einen archäologischen Ausgrabungsbereich gelangten oder ob sie tatsächlich aus der Nahrungs- oder Rohstoffverwertung des Menschen stammen. Um Hinweise hierauf zu bekommen, werden die Skelettfunde auf Einschnitte von Geräten, Schussverletzungen, Hackspuren, Abschermarken, aber auch auf Bissmarken und pathologische Ereignisse hin untersucht.

Die Auswertung der Spuren (= forensische Archäozoologie) erbringt wertvolle Kenntnisse zur Subsistenzwirtschaft einer Bevölkerungsgruppe. Mit diesem Verfahren können Proxydaten zu den Haltungsbedingungen von Tiere, deren Verarbeitungstechniken zur Nahrung oder zu Knochengeräte gewonnen werden. Selbst Rückschlüsse auf vermutete Nahrungstabus können im Kontext mit den archäologischen Befunden und mit Schriftquellen gezogen werden.


Die Analyse anthropogener Spuren an Skelettfunden erbringt wertvolle archäologische Ergebnisse und stellt ein Schwerpunkte im Angebot von Terra Mare dar.

Schnittspuren einer Flintklinge
Schnittspuren Hausrind

Bei der Untersuchung von Spuren an Skelettelementen (oben: Schnittspurenverteilung an neolithischen Hausrindknochen, Grafik Ewersen) richtet sich das Augenmerk aber nicht nur auf die mechanischen Verletzungen der Oberfläche, sondern auch auf Elemente in der Knochensubstanz. Sie geben Aufschluss über vorherrschende Klimabedingungen, Migrationen, Krankheiten oder zur Nahrungsaufnahme.


Isotopenanalyse

Zu diesen Elementen gehören u. a. Sauerstoff (O), Kohlenstoff (C), Stickstoff (N) sowie Spurenelemente. Die Isotopen der Elemente liegen in der Natur mit unterschiedlichen Massezahlen vor, d. h. mit einer unterschiedlicher Anzahl von Neutronen. Diese Isotope werden über die Photosynthese und/oder über die Nahrungsaufnahme in Organismen eingebaut sowie im Nahrungsnetz weitergegeben. Die Messung der stabilen Isotope erfolgt als Verhältnismessung (δ-Wert) der zwei häufigsten Isotope des jeweiligen Elementes. Für Kohlenstoff ist es das Verhältnis zwischen 13C und 12C, für Stickstoff das zwischen 15N und 14N sowie für Sauerstoff das zwischen 18O und 16O. Die Voraussetzung dafür ist die unterschiedliche Diskriminierung terrestrischer und mariner/limnischer Organismen gegen schwere Isotope. Im marinen Habitat ist beispielsweise das Vorkommen von Primärproduzenten größer und damit verbunden sind die Nahrungsnetze umfangreicher bzw. die Nahrungsketten länger als an Land, wodurch die δ15N-Werte ansteigen. Beim δ18O-Wert spielen insbesondere die Feuchte und die Temperaturbedingungen eine Rolle. Somit zeigen die Isotopensignaturen nicht nur an, welche klimatischen Temperaturen am Ort vorherrschten, sondern auch wo und welche Nahrung vorzugsweise aufgenommen wurde und ob Lebewesen sich überwiegend maritim oder terrestrisch ernährten.


Das folgende Diagramm zeigt die Werte von Hunden (grüne u. blaue Kreise), verschiedenen Wölfen (schwarze Signatur), Schweinen (gelbe Rauten) sowie von Hunden (Signatur mit rotem Rand), die wahrscheinlich Zugang zu mariner Nahrung (Meeresfische, Weichtiere, Seevögel) hatten:

Diagramm


Mit Hilfe der Spurenanalyse wurde es beispielsweise möglich, die Art, das Sterbealter sowie die Herkunft von zwei jungen Elefantenkühen zu rekonstruieren. Ihre Stoßzähnen sollten Ende des 19. Jahrhunderts aus Afrika zunächst nach Hamburg und dann nach New York verhandelt werden. Das Schiff, zu deren Fracht sie gehörten, wurde ging jedoch nach einer Schiffskollision in der Nordsee unter (Ewersen/Ziegler 2013).


Haushunde waren das Ziel der Untersuchung eines umfangreichen DFG-Projektes am Archäologischen Institut der Universität Hamburg. Es sollten Proxydaten zur Nutzung und zu den Haltungsbedingungen steinzeitlicher Hunde erhoben werden. Die Ergebnisse hierzu sind in verschiedenen Artikeln nachzulesen (Ewersen ab 2014). Das Projekt wurden im Anschluss daran mit der Untersuchung der Tierknochenfunde aus den Kreisgrabenanlagen von Dresden-Nickern fortgesetzt. Auch in diesem dankenswerterweise durch die Stiftung Pro Archaeologia Saxioniae geförderten Projekt stand die Frage im Vordergrund, ob verschiedene Tierarten in der neolithischen Kreisgrabenanlage in unterschiedlichen Arealen unterschiedlich verwendet wurden. Daher waren auch in diesem Projekt die Spuren an Knochen von entscheidender Bedeutung (Ewersen 2015).


Rosenhof Spurengrafik Twann Hackspuren
Spuren an Skelettresten. Links: Flintsplitter eines Gerätes in der Kompakta eines Metacarpus vom Hund. Einschnitte in diesen Bereichen weisen häufig auf das Abziehen des Felles hin. Rechts: Unterkieferhälfte eines Bibers mit dem Einschlagsloch vermutlich einer vierkantigen Knochenspitze oder -harpune. (Fotos Ewersen)


Nicht nur im Neolithikum wurden die Unterkiefer von Biber als Werkzeug verwendet. Um an das Rohmaterial zu gelangen mußten Biber allerdings gejagt werden, was beispielsweise durch das Aufreißen von Biberburgen geschehen konnte. Eine andere Jagdstrategie war das Abschießen der Biber. Der vorliegende Befund (Foto oben rechts) zeigt, dass man im Neolithikum Norddeutschlands möglichweise auch dann auf Biber schoß, wenn sie im Wasser schwammen. Dies zeigte der Versuch, über den Schußkanal die Flugbahn des Geschosses (vermutlich eine vierkantige Knochenspitze) nachzuvollziehen. Demnach muß das Projektil von einer höheren Position von hinten rechts auf den Biber abgegeben worden sein und schlug dann in den Unterkiefer ein. Der Kopf eines im Wasser schwimmenden Bibers bietet ein Ziel, da er von dem Tier über der Wasseroberfläche gehalten wird (Ewersen 2011).

Rosenhof Spurengrafik Twann Hackspuren
Links: Experimentelle Zerlegung eines Geflügelbeines mit einer Flintklinge. Rechts: Schussversuch: Knochenverletzung durch den Einschuss einer Vorderladerkugel (Cal. .54; ca. 15,1 g). Durchschuss durch die Tibia (C. capreolus) von lateral. Ladungsstärke 70 grain Schwarzpulver (Fotos Ewersen).


Eine deutliche Veränderung in den Jagdtechniken ging mit dem Aufkommen gasgetriebener Schusswaffen einher. Das hierfür erforderliche Schwarzpulver wurde wahrscheinlich schon ab dem 13. Jhd. verwendet, mit brauchbaren Jagdwaffen dürfte aber erst ab dem 15./16. Jhd. zu rechnen sein. Die Auswirkungen des Einsatzes von Vorderladern bei der Jagd wies Terra Mare in einem Feldversuch nach, um Erkenntnisse zur Wundballistik (Ewersen 2020) und deren Spuren an Tierknochen zu gewinnen (Abb. oben rechts).


Unsere Feldschule (s. Kursangebot) für angehende und ausgebildete Archäologen, Biologen, Umweltschützer oder Interessierte bietet die Möglichkeit, Skelettbefunde im Gelände eingehend zu untersuchen und zu lernen, wie taphonomische Prozesse zu verstehen sind.


Taphonomische Prozesse

Der Begriff Taphonomie setzt sich aus dem griechischen Wort "taphos" für Bestattung und "nomos" für Gesetzmäßigkeit zusammen. Taphonomische Prozesse bezeichnen also die Gesetzmäßigkeiten, die nach dem Tode eines Lebewesens ablaufen und zu seiner Einbettung in den Boden führen. Vielfach sind sie maßgebend dafür, wie viel Skelettmaterial bis zum heutigen Tage überliefert wurde. Spuren dieser Abläufe können in vielen Fällen noch im Grabungsbefund diagnostiziert werden. Mit ihrer Hilfe lassen sich Erkenntnisse darüber gewinnen, was vor der Einbettung in den Boden (aerobe Phase) mit dem Organismus geschah. Dabei ist es auch von Bedeutung, ob der Organismus vor der Einbettung zerlegt und verwertet wurde oder ob er zunächst als vollständiger Körper auf der Bodenoberfläche verblieb. Weitere maßgebliche Faktoren sind die Leichenliegezeit an der Oberfläche, Temperatur und Feuchtigkeit sowie mögliche Zugriffe auf den Kadaver (z. B. nekrophage Kleinlebewesen, Aasfresser).

Während der primären oder sekundären Einbettung haben die Beschaffenheit des Substrates sowie die Tiefe der Einbettung einen großen Einfluß auf die Zersetzung des Kadavers. In dieser anaeroben Phase werden alle verwertbaren Bestandteile des Körpers aufgebraucht. Die hierdurch entstehenden Gase entweichen durch das Sediment. Bei Muscheln beispielsweise, die im Boden sterben, kann diese Entgasung im Befund durch eine trichterförmige Bodenstrukur oberhalb des Skelettes noch erkannt werden. Diese Struktur wie auch der Zustand der Muschelschalen liefert dann Aussagen darüber, ob beispielsweise das zu beobachtende Sediment aus dem Strandbereich oder aus dem Unterwasserraum stammte.

Nach dem völligen Aufgehen der Weichteile des Körpers bleibt nur noch die Hartsubstanz (Exo- oder Endoskelett) zurück. Sie unterliegt weiterhin im Boden Vorgängen wie beispielsweise der Bioturbation und Bodenbewegungen, aber auch ungünstigen mineralogische Bodenverhältnisse wie Salz- und Säuregehalt und Wasserspannung. Sie können dazu führen, dass Skelette vollständig im umgebenden Substrat aufgehen.

Feldversuche und eigene Forschungen von Terra Mare haben gezeigt, dass eine grabungsseitig umfassende Dokumentation der taphonomischen Verhältnisse zu einem erheblichen Teil zur Auswertung von Skelettfunden beitragen kann. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um Grabbefunde, tierische Speisereste oder Skelette aus einer Thanotozönose (Fotos unten Ewersen) handelt.


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